Der Patient als Störenfried
VON TOBIAS PILLER, ROM
11. Oktober 2006
Wohin die deutsche Gesundheitspolitik führt, läßt sich in Italiens Praxen besichtigen.
Was gut gemeint ist, bringt nicht immer gute Ergebnisse. Dies erleben die Italiener im täglichen Umgang mit ihrem Gesundheitssystem. Nach den jüngsten Vereinbarungen der Bundesregierung ist nicht auszuschließen, daß den Deutschen die italienischen Erfahrungen noch bevorstehen. Aus der Perspektive des Südens jedenfalls wirken viele Pläne deutscher Gesundheitspolitiker wie ein großer Schritt Richtung Italien.
Bis vor wenigen Jahren waren es die Deutschen gewohnt, vom Arzt oder Krankenhaus als Kunden betrachtet zu werden. Mehr Patienten und mehr Leistungen bedeuteten früher für Arzt oder Krankenhaus höhere Einnahmen. Davon ist im deutschen Gesundheitswesen derzeit noch ein Nachhall zu erleben. Doch sorgen eigentlich schon viele Mechanismen, etwa Budgets und Strafen, für gegenteilige Anreize. Wohin das im Extremfall führt, ist in Italiens staatlichen Praxen und Krankenhäusern zu besichtigen: Hier steht der Patient oft nur noch als unerwünschter Störenfried da. Für Ärzte, Pfleger und Krankenhäuser macht es finanziell keinen unmittelbaren Unterschied, ob sie einen Patienten mehr oder weniger behandeln, schneller oder langsamer arbeiten; Gehälter und Budgets bleiben davon zunächst unberührt.
Deshalb reicht es nicht, bei einer Reform nur über die Kostenseite des Gesundheitswesens zu diskutieren oder über die Art der Einziehung von Krankenkassenbeiträgen. Denn die Budgets, die Bestrafungsmechanismen und die bürokratischen Apparate wirken nicht nur kurzfristig auf die Ausgaben der Krankenkassen. Sie haben auch Folgen für die Motivation, sie erzeugen Gleichgültigkeit, Effizienz oder Schlendrian bei der Krankenbehandlung. Diese besteht schließlich aus Dienstleistungen, die mit Instrumenten des Marktes oder der planenden Staatswirtschaft produziert werden. Italien hat sich für ein staatlich gelenktes Einheitssystem entschieden und leidet unter den Folgen – auch in Form langer Wartelisten. In manchen Regionen müssen Patienten selbst bei Verdacht auf einen bösartigen Tumor monatelang auf eine Röntgenuntersuchung harren und dann bei Bedarf bis zu einem Jahr auf eine Operation.
Die Idealprinzipien des italienischen Gesundheitswesen klingen dabei ähnlich wie diejenigen der deutschen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: gleiche und gerechte Gesundheitsversorgung für alle zu überschaubaren Kosten. Dabei ist Italiens Erfahrung nicht nur fragwürdig auf der Seite der Versorgung. Auch die Kosten laufen davon und wachsen doppelt so schnell wie das Volkseinkommen. Ohne einschneidende Veränderungen wird auch das unzulängliche staatliche Gesundheitssystem Italiens in einigen Jahren zehn Prozent des Volkseinkommens verschlingen. Doch wagt derzeit kein Politiker, die Mittel für die Gesundheit seiner Wähler nachhaltig zu begrenzen.
Vom Ideal der Gerechtigkeit ist in Italien wenig übrig. Wenn die Budgets festgezurrt sind, die Effizienz hinter den Zielen zurückbleibt, müssen die Leistungen kontingentiert werden. Daraus ergibt sich viel Spielraum für Manipulationen: Wer bessere Beziehungen besitzt, erhält die bessere Behandlung. Deshalb würden Italiener sehr kritisch reagieren auf treuherzige Bekenntnisse eines Gesundheitspolitikers wie Horst Seehofer, der seine Erfahrungen als Kassenpatient lobt. “Kein Wunder”, lautet die italienische Antwort. “Daß Prominente gut behandelt werden, ist auch bei uns selbstverständlich.”
Hier liegt nicht der einzige Makel des staatlichen Einheitssystems in Italien. Obwohl in der Theorie für alles gesorgt sein sollte, ziehen diejenigen, die es sich leisten können, die private Krankenbehandlung vor. Dort wiederum gelten die blanken Regeln der Marktwirtschaft, die manchem Deutschen brutal erscheinen mögen: Bezahlt wird in bar oder per Kreditkarte, bei aufwendiger Therapie auch im voraus. Diese Behandlung leisten sich die wohlhabenden Italiener, aber auch die Durchschnittsfamilie – mit entsprechenden Opfern. Es ist dann selbstverständlich, daß die Familie zusammenlegen muß für die Operation der Oma und daß dafür vielleicht ein Urlaub ausfallen muß.
Was die private Krankenbehandlung in Italien von derjenigen in Deutschland unterscheidet, ist das Prinzip “alles oder nichts”. Einfach zuzahlen oder eine Zusatzversicherung für relativ wenig Geld, die den Deutschen eine Privatbehandlung sichert – so etwas gibt es in Italien nicht. Der Patient steht in Italien vor zwei getrennten Welten. Er muß für seine Privatbehandlung nicht die Zusatzkosten, sondern alles bezahlen. Auf der Sonnenseite des Zwei-Klassen-Systems funktioniert dann allerdings auch alles besser als in den Staatsbetrieben: Es gibt keine Wartezeiten, zügige Behandlung, freundliches Personal. Von der allgemein besseren Ausstattung der Privatpraxen und Krankenhäuser mit Geräten können die nicht privilegierten Patienten des staatlichen Systems in Italien nur in Ausnahmefällen profitieren, während in Deutschland der Zusatzverdienst mit Privatpatienten eine Geräteausstattung rentabel macht, die dann allen zugute kommt.
Allein die materiellen Opfer, die viele Italiener auf sich nehmen, um der Staatsmedizin zu entfliehen, sind ein weiteres Indiz dafür, daß das staatliche Gesundheitswesen insgesamt die Bewertung “ungenügend” verdient. Dabei gibt es dort natürlich nicht nur Versagen, sondern auch gut funktionierende Beispiele, punktuell sogar Spitzenleistungen. Doch das Prinzip der gleichen und gerechten Versorgung für alle bleibt in einem Einheitssystem ein frommer Wunsch. Von Italien können die deutschen Gesundheitspolitiker lernen: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.
Text: F.A.Z., 12.10.2006, Nr. 237 / Seite 11
gratulation, ulla. unser weg endet sicher anders als der italiens. vielleicht werden wir dann 2010 wenigstens weltmeister, wenn schon unser gesundheitssystem kollabiert -_-