Die Nachricht ging gestern kurz nach 14 Uhr durch die Medien:
Horst Köhler tritt von seinem Amt als Bundespräsidenten zurück.
Nach einem kurzen Moment der Ungläubigkeit vermutete man, dass das nur ein Scherz sein könne, gefolgt von der Erkenntnis, dass die öffentlich Rechtlichen wohl keinen Humor für so etwas haben.
Natürlich war die zweite Frage (gleich nach “HÄ?!) “Warum?”.
So ganz genau konnte man das erst einmal auch nach der offiziellen Begründung nicht verstehen. Das Respekt vor seinem Amt sei verschütt gegangen und die Kritik an seinen Aussagen sei untragbar gewesen. Ahja.
Irgendwie hatte sich der Gesichtsausdruck jetzt endgültig zu ?_? verändert.
Was hatte er denn überhaupt gesagt? Welche Aussagen? Worum geht es hier zum Teufel eigentlich?
Nach und nach wurde in x Sondersendungen alles breitgetreten und irgendwann am Abend war nicht ganz klar, ob man nun froh sein sollte, dass Lena auf allen TV Sendern abgelöst worden war.
Köhler hatte sich nach seinem Afghanistan Besuch in der letzten Woche in einem Radio Interview geäussert, dass es auch in Deutschlands Interesse ist, wenn internationale Handelswege geschützt werden, zur Not auch mit militärischer Gewalt, und soweiter und sofort.
Interessanterweise schlug dieses Interview zunächst gar keine Wellen, erst ein paar Tage später fanden einige Journalisten und Politiker darin genügend Interpretationsspielraum, um Köhler vorzuwerfen, seine Ansichten seien sogar verfassungswidrig.
Man munkelt, in einem Wisch zu den deutschen Sicherheitsinteressen, den im Übrigen die große Koalition zusammenstellte, stünde genau das.
Interessant also, dass wohl schon die große Koalition (jaha, CDU und SPD, gell) verfassungswidrige Gedanken hegte.
Befasst man sich weiter mit der Person Horst Köhlers und den unzähligen Seitenhieben, die er seit einem halben Jahr einstecken musste, dann ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass er gesagt hat “Mir reicht’s jetzt.”.
Als Quereinsteiger wird er bezeichnet, weil er nicht aus den politischen Reihen kam.
Er hat seinen Posten als Direktor bei der IWF aufgegeben, nahm das Amt des Bundespräsidenten an, obwohl es heißt, er habe damit auch die Hälfte seiner Bezahlung eingebüßt. Wer würde das heute schon auf sich nehmen? Vielleicht jemand, der wirklich etwas für das Land tun will? Wäre schon eine irre Vorstellung!
Der Rentenbezüge wegen wird es wohl nicht gewesen sein, Geld dürfte Horst Köhler vor seiner Zeit als Bundespräsident bereits genug verdient haben.
In der letzten Zeit wurde Köhler immer häufiger aus den politischen Reihen kritisiert, obwohl er in der Bevölkerung mehr als beliebt ist.
Gerade weil er eben nicht aus der Politik kam.
Weil er auch mal Dinge aussprach, um die sich die Politiker immer nur herumwinden, aus Angst, die nächsten Wahlen zu verlieren.
Weil er so gesprochen hat, dass der normalsterbliche Bürger verstehen konnte, was er sagt.
Weil er den Parteien nicht immer nach dem Mund geredet hat.
Die Leute haben Köhler als ehrlich und aufrichtig empfunden und in ihm das gesehen/gefunden, was sie sonst schon so lange in die Politikverdrossenheit treibt.
Man muss kein Politikwissenschaftler sein um zu ahnen, dass genau diese Eigenschaften den Politikern irgendwann zu unbequem werden würden.
Leute, die die Wahrheit sagen, pfui. So etwas wollen wir nicht und schon gar nicht in Krisenzeiten und erst Recht nicht in Bellevue.
Also stichelte man so lange, bis Horst Köhler sich dem Komödiantenstadl ergab.
Meiner Meinung nach hat es nichts mit “Heulsuse” oder “dünnhäutig sein” zu tun, sondern einfach damit, dass man sich nicht immer verarschen lassen muss.
Köhler hat es nicht nötig, an seinem Posten festzuhalten, schon gar nicht finanziell.
Vor allem aber hat er es nicht nötig am Amt des Bundespräsidenten festzuhalten, wenn ohnehin all seine Bemühungen, die Wahnsinnigen zur Vernunft zu bringen, verspottet werden. Dass er zurückgetreten ist zeigt mehr aufrichtigen Charakter, als sich einfach in das Lügen und Intrigengeflecht der Politiker zu integrieren.
Man muss sich einfach nicht alles gefallen lassen.
Danke, Horst!